Abnehmspritze

Muskelabbau durch die Abnehmspritze: Was Studien zeigen und wie Eiweiß und Krafttraining helfen

Unter Semaglutid und Tirzepatid geht neben Fett auch fettfreie Masse verloren. Was die Zulassungsstudien zeigen, wie viel Eiweiß die DGE nennt und warum Krafttraining dazugehört.

8 Min. LesezeitAktualisiert Mit Werkzeug: Abstände & Wechselwirkungen
Hände mit Widerstandsband beim Krafttraining zu Hause, daneben Skyr, Eier und Linsen als eiweißreiche Lebensmittel
Hände mit Widerstandsband beim Krafttraining zu Hause, daneben Skyr, Eier und Linsen als eiweißreiche Lebensmittel

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Teil des Gewichts ist fettfreie Masse. In der Studie STEP 1 sank unter Semaglutid die Fettmasse um 19,3 %, die fettfreie Masse um 9,7 %. In SURMOUNT-1 waren es unter Tirzepatid 33,9 % Fett und 10,9 % fettfreie Masse.
  • Fettfreie Masse ist nicht gleich Muskel. Dazu zählen auch Wasser, Organe und Bindegewebe. Wie viel davon echter Muskel ist, messen diese Studien nicht direkt.
  • Eiweiß und Krafttraining sind die zwei Hebel. Das empfiehlt die gemeinsame Stellungnahme von vier US-Fachgesellschaften zur GLP-1-Therapie (2025).
  • Richtwert Eiweiß: Die DGE nennt 0,8 g pro kg Körpergewicht und Tag für Erwachsene, 1,0 g ab 65 Jahren.
  • Krafttraining an mindestens 2 Tagen pro Woche empfiehlt die WHO für alle Erwachsenen.
  • Sprich mit deiner Praxis, bevor du deine Ernährung stark umstellst – besonders bei Nierenerkrankung oder wenn du älter bist. Ändere die Therapie nicht eigenmächtig.

1. Führt die Abnehmspritze zu Muskelabbau?

Wer mit einer Abnehmspritze wie Semaglutid oder Tirzepatid abnimmt, verliert vor allem Fett, aber auch einen Teil fettfreie Masse. Das ist bei jeder größeren Gewichtsabnahme so – auch bei einer Diät. Wie groß der Anteil ist, hängt unter anderem von Eiweißzufuhr und Bewegung ab.[1] [2] [3]

GLP-1-Medikamente dämpfen den Appetit. Du isst weniger – oft auch weniger Eiweiß. Die gemeinsame Stellungnahme der US-Fachgesellschaften ACLM, ASN, OMA und TOS von 2025 nennt deshalb zwei Schwerpunkte: ausreichend Eiweiß und Krafttraining, damit möglichst viel Muskelmasse erhalten bleibt.[3]

Laut Fachinformation sind diese Medikamente zur Anwendung zusätzlich zu einer kalorienreduzierten Ernährung und mehr körperlicher Aktivität zugelassen. Bewegung gehört also von Anfang an zur Therapie.[6] [7]

2. Wie viel fettfreie Masse geht verloren?

In den großen Zulassungsstudien wurde die Körperzusammensetzung bei einem Teil der Teilnehmenden per DXA-Messung bestimmt. Unter Semaglutid sank die Fettmasse um 19,3 % und die fettfreie Masse um 9,7 %. Unter Tirzepatid sank die Fettmasse um 33,9 % und die fettfreie Masse um 10,9 %.[1] [2]

Studie Wirkstoff Fettmasse Fettfreie Masse
STEP 1 (DXA-Teilgruppe) Semaglutid 2,4 mg −19,3 % −9,7 %
SURMOUNT-1 (DXA-Teilgruppe) Tirzepatid, alle Dosen −33,9 % −10,9 %

Die Prozente beziehen sich jeweils auf die Ausgangsmenge von Fett bzw. fettfreier Masse. In beiden Studien sank die Fettmasse deutlich stärker als die fettfreie Masse. Der Körper bestand am Ende also anteilig aus mehr fettfreier Masse als vorher.[1] [2]

Wichtig: „Fettfreie Masse“ umfasst Muskeln, aber auch Wasser, Organe und Knochen. Ein Verlust an fettfreier Masse ist deshalb nicht automatisch ein gleich großer Verlust an Muskelkraft.

3. Warum ist das wichtig?

Muskeln brauchst du für Kraft, Gleichgewicht und Alltag – Treppen, Tragen, Aufstehen. Gerade bei älteren Menschen kann zu wenig Muskelkraft die Selbstständigkeit einschränken. Deshalb lohnt es sich, Muskeln während der Abnahme gezielt zu fordern.[3] [9]

Die europäische Sarkopenie-Definition (EWGSOP2) stellt die Muskelkraft an erste Stelle – nicht die Muskelmasse allein. Das zeigt: Entscheidend ist, was deine Muskeln leisten können.[9]

4. Wie viel Eiweiß brauchst du?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen von 19 bis unter 65 Jahren 0,8 g Eiweiß pro kg Körpergewicht und Tag, ab 65 Jahren 1,0 g. Für ältere Menschen nennt die internationale PROT-AGE-Gruppe 1,0 bis 1,2 g pro kg.[4] [5]

Körpergewicht 0,8 g/kg (DGE, 19–64 J.) 1,0 g/kg (DGE, ab 65 J.)
60 kg 48 g 60 g
80 kg 64 g 80 g
100 kg 80 g 100 g

Die Tabelle ist eine einfache Rechnung mit den Referenzwerten, keine persönliche Empfehlung. Bei starkem Übergewicht wird in der Praxis oft nicht mit dem aktuellen Gewicht gerechnet. Welcher Wert für dich passt, klärst du am besten mit deiner Praxis oder einer Ernährungsfachkraft – vor allem bei einer Nierenerkrankung.[3] [4]

5. Eiweiß im Alltag – trotz wenig Appetit

Wenn du nur kleine Portionen schaffst, hilft eine einfache Regel: zu jeder Mahlzeit zuerst die Eiweißquelle. Die Stellungnahme von 2025 rät zu nährstoffreichen, möglichst wenig verarbeiteten Lebensmitteln.[3]

Mahlzeit Eiweißreiche Ideen
Frühstück Magerquark, Skyr oder Joghurt; Eier; Haferflocken mit Milch
Mittag Linsen, Bohnen oder Kichererbsen; Fisch; Geflügel; Tofu
Abend Hüttenkäse, Eier, Fisch oder Hülsenfrüchte mit Gemüse
Zwischendurch Joghurt, ein Glas Milch oder Sojadrink, eine Handvoll Nüsse

Typische Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung sind laut Fachinformation sehr häufig. Kleine, langsam gegessene Portionen und ausreichend Trinken können den Alltag leichter machen. Halten die Beschwerden an, sprich mit deiner Praxis.[6] [7]

Mehr dazu, wie du mit kleinen Portionen gut versorgt bleibst, liest du in Ernährung mit der Abnehmspritze.

6. Welches Training schützt die Muskeln?

Krafttraining ist der stärkste Reiz, damit Muskeln erhalten bleiben. Die WHO empfiehlt allen Erwachsenen muskelkräftigende Übungen an mindestens 2 Tagen pro Woche für alle großen Muskelgruppen – zusätzlich zu 150 bis 300 Minuten moderater Ausdauerbewegung.[8] [3]

  • Einsteigen: Übungen mit dem eigenen Körpergewicht – Kniebeugen zum Stuhl, Wandliegestütze, Ausfallschritte.
  • Steigern: Mit Widerstandsbändern, Kurzhanteln oder an Geräten; langsam mehr Wiederholungen oder Gewicht.
  • Regelmäßig bleiben: Lieber zweimal pro Woche 30 Minuten als einmal im Monat sehr lange.
  • Anleitung holen: Bei Vorerkrankungen oder wenig Erfahrung helfen Physiotherapie, Rehasport oder ein Studio mit Einweisung.

7. Was gilt ab 65 Jahren?

Ab 65 Jahren baut der Körper Muskeln ohnehin leichter ab. Deshalb ist der Eiweiß-Referenzwert der DGE hier höher (1,0 g pro kg). Die WHO empfiehlt älteren Menschen zusätzlich Gleichgewichts- und Kraftübungen an mindestens 3 Tagen pro Woche.[4] [8]

Wenn du älter bist und mit einer Abnehmspritze beginnst, lohnt sich ein Gespräch über deine Muskelkraft. Einfache Tests wie die Handkraft oder das Aufstehen vom Stuhl nennt die Sarkopenie-Leitlinie als Orientierung.[9]

8. Was du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprechen kannst

Nimm deine Fragen zur Ernährung mit in die Praxis. Die Stellungnahme von 2025 empfiehlt, die Ernährung während der GLP-1-Therapie zu begleiten und auf Eiweiß sowie die Versorgung mit Mikronährstoffen zu achten.[3]

  • Wie viel Eiweiß ist für mich sinnvoll – auch mit Blick auf meine Nieren?
  • Kann ich eine Ernährungsberatung bekommen?
  • Welches Training passt zu meinen Gelenken, meinem Herz und meinem Alter?
  • Sollte meine Körperzusammensetzung oder Muskelkraft gemessen werden?
  • Was tun, wenn ich wegen Übelkeit kaum etwas essen kann?

9. Was wir noch nicht wissen

Wie viel echte Muskelmasse und Muskelkraft unter GLP-1-Medikamenten langfristig verloren geht, ist noch nicht gut untersucht. Die Zulassungsstudien haben nur die fettfreie Masse in Teilgruppen gemessen.[1] [2] [3]

  • Ob der Anteil an verlorener fettfreier Masse größer ist als bei einer Diät mit gleicher Abnahme, ist offen.
  • Welche Eiweißmenge unter GLP-1-Therapie optimal ist, wurde kaum in eigenen Studien geprüft.
  • Wie sich Muskelkraft und Alltagsfunktion über viele Jahre entwickeln, zeigen die bisherigen Daten nicht.

Weiterlesen im Ratgeber

Alle Artikel findest du im NervaraLab Ratgeber.

Hinweise: Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung und ist keine Anleitung zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung. Semaglutid und Tirzepatid sind verschreibungspflichtig. Ändere deine Therapie nicht eigenmächtig. Maßgeblich sind die Packungsbeilage deines Präparats und deine Ärztin oder dein Arzt.

10. Häufige Fragen

Baut man mit der Abnehmspritze Muskeln ab?

Ein Teil des verlorenen Gewichts ist fettfreie Masse, zu der auch Muskeln gehören. In den Zulassungsstudien sank die Fettmasse aber deutlich stärker als die fettfreie Masse. Eiweiß und Krafttraining helfen, Muskeln zu erhalten.

Wie viel Muskelmasse verliert man mit Ozempic oder Wegovy?

Für Semaglutid 2,4 mg zeigte die Studie STEP 1 in einer Teilgruppe einen Rückgang der fettfreien Masse um 9,7 % und der Fettmasse um 19,3 %. Wie viel davon reiner Muskel ist, wurde nicht gemessen.

Wie viel Muskelmasse verliert man mit Mounjaro?

In der Studie SURMOUNT-1 sank unter Tirzepatid die fettfreie Masse um 10,9 % und die Fettmasse um 33,9 % (Teilgruppe mit DXA-Messung).

Wie viel Eiweiß sollte ich mit der Abnehmspritze essen?

Die DGE empfiehlt Erwachsenen 0,8 g Eiweiß pro kg Körpergewicht und Tag, ab 65 Jahren 1,0 g. Deine persönliche Menge klärst du mit deiner Praxis – besonders, wenn deine Nieren nicht gesund sind.

Welcher Sport ist bei der Abnehmspritze sinnvoll?

Krafttraining an mindestens 2 Tagen pro Woche für alle großen Muskelgruppen, dazu Ausdauerbewegung. Das entspricht den WHO-Empfehlungen für Erwachsene.

Soll ich die Spritze absetzen, wenn ich Muskeln verliere?

Nein, nicht eigenmächtig. Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Gemeinsam könnt ihr Ernährung, Training und Therapie anpassen.

Quellen

Die Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Quellen. Zu jeder Quelle steht, welche Aussage sie belegt.

  1. Wilding JPH et al.: „Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (STEP 1)“, N Engl J Med 2021;384:989–1002.
    Belegt: DXA-Teilgruppe, Fettmasse −19,3 %, fettfreie Masse −9,7 %, höherer Anteil fettfreier Masse am Körpergewicht.
  2. Jastreboff AM et al.: „Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1)“, N Engl J Med 2022;387:205–216.
    Belegt: DXA-Teilgruppe, Fettmasse −33,9 %, fettfreie Masse −10,9 % (alle Tirzepatid-Dosen).
  3. Mozaffarian D et al. (ACLM, ASN, OMA, TOS): „Nutritional priorities to support GLP-1 therapy for obesity: a joint advisory“, 2025.
    Belegt: Schwerpunkt Eiweiß und Krafttraining zum Erhalt der Muskelmasse, nährstoffreiche Lebensmittel, Begleitung der Ernährung, Mikronährstoffe; offene Forschungsfragen.
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): „Referenzwerte Protein“.
    Belegt: 0,8 g/kg/Tag (19 bis unter 65 Jahre), 1,0 g/kg/Tag (ab 65 Jahren).
  5. Bauer J et al. (PROT-AGE Study Group): „Evidence-based recommendations for optimal dietary protein intake in older people“, J Am Med Dir Assoc 2013;14:542–559.
    Belegt: 1,0–1,2 g/kg/Tag für ältere Menschen.
  6. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): „Wegovy – Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels“.
    Belegt: Anwendung zusätzlich zu kalorienreduzierter Ernährung und mehr körperlicher Aktivität (4.1); Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung sehr häufig (4.8).
  7. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): „Mounjaro – Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels“.
    Belegt: Anwendung zusätzlich zu Ernährung und Bewegung (4.1); Magen-Darm-Beschwerden sehr häufig (4.8).
  8. Weltgesundheitsorganisation (WHO): „WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour“, 2020.
    Belegt: 150–300 Minuten moderate Aktivität, Krafttraining an ≥ 2 Tagen; ab 65 Jahren Gleichgewicht und Kraft an ≥ 3 Tagen.
  9. Cruz-Jentoft AJ et al. (EWGSOP2): „Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis“, Age Ageing 2019;48:16–31.
    Belegt: Muskelkraft als wichtigstes Kriterium; Handkraft und Aufstehtest.

Quellen geprüft am 19.10.2026.

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